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Stuttgarter Zeitung, 03.04.2007

Artikel aus der
Stuttgarter Zeitung
von 3. April 2007

Der Tazzelwurm muss mehr kleine Gäste befördern

Stuttgarts historische Liliputbahnen sollen rentabel werden – In wenigen Tagen beginnt die neue Saison

Tazzelwurm, Springerle, Blitschwoab und Schwoabapfeil starten nach einer winterlichenVerjüngungskur durch: Die Stuttgarter dürfen wieder in die Museumszüge steigen. Von morgen an bis Oktober wird es auf dem Killesberg wieder dampfen und zischen.

Von Jenni Roth

Wie die DDR riecht, weiß Ronny Rüchel noch genau, aber der Geruch nach Braunkohle ist Vergangenheit. Der Mann im Blaumann sieht versonnen einer Dampfwolke nach, die langsam aufsteigt un sich hoch oben mit dem Grau des Himmels vermischt. “ Wir kriegen gutes Wetter, Tiefdruck würde den Rauch herunterdrücken.” Rüchel zeigt auf die Kohlehaufen auf dem Springerle und zieht die verrußten Handschuhe von den Händen: “Das ist Steinkohle.” Der Rauch beißt in die Nase, aber für Rüchel ist er der Inbegriff des Traumberufs. Nach der Wende war der Industriemechaniker nach Stuttgart gekommen und hatte sich sofort in die Liliputbahnen verliebt. Seitdem ist er hier Haupflokomotivführer. Zurzeit bereitet er eifrig die Saisoneröffnung am Donnerstag vor.

Nachdem im Winter gefräst, geschweißt und montiert wurde, überprüft der Tüv jetzt Bremswege und Gleise. Die kleinen Bahnen wirken wie harmloses Spielzeug, die Warnschilder an den Gleisen erinnern an Memory aus Kindertagen. Aber die Lokführer müssen dennoch eine Extraschulung für den Personenverkehr durchlaufen. Denn auch hier könnte es zu Unfällen kommen. In den 1980er-Jahren war beim Lichterfest einmal Wachs aus Fackeln auf die Gleise getropft: “Es wirkt wie Schmierseife.” Das ist fatal auf dem abschüssigen Gelände des Höhenparks.

Die Testfahrt ist übrigens gelungen: Nachdem Rüchel die Weichen stellt, rollt der Blitzschwoab schwerfällig durch die Kurve zurück unters Werkstattdach.

Werner Koch weiß, dass er künftig auch auf “solche Kleinbahnverrückten” angewiesen sein wird. Der Leiter des Garten-, Friedhofs- und Forstamts, das Anfang des Jahres den Betrieb der Kleinbahnen von der Messe Killesberg übernommen hat, will den Zuschussbetrieb möglichst rasch rentabel machen: “Wir werden das Defizit verringern und hoffen auf 100000 Besucher in diesem Jahr”, sagt er. Dazu beitragen sollen unter anderem ein Förderverein, diverse Broschüren, Werbung auf den Waggons und ein Lautsprecher, der über die Geschichte und Technik der Bahnen aufklärt und den Blick der Fahrgäste in die richtige Richtung lenkt: auf den Flamingosee, das Primeltal, den Streichelzoo und das Tal der Rosen.

Während die Messe sich gegen einen Austausch mit Leipzig und Dresden, die einzigen deutschen Städte, die auch Personen in historischen Bahnen befördern, gesträubt hatte, ist der neue Betreiber offen. Konkrete Beschlüsse gebe es aber noch nicht.

Ein lautes Zischen unterbricht die Vorstellung der Pläne: Rüchels Lok musste mal Dampf ablassen. Mit Blick auf den gelblichen Schwefeldampf meint der Lokführer, der sei relativ harmlos. “Anwohner beschweren sich manchmal wegen Feinstaubs. Aber mein Arzt, der sofort bemerkt hat, dass ich Zigaretten rauche, hat nicht festgestellt, dass ich mit Kohle arbeite.” Außerdem könnte man die historischen Bahnen – die Dampflos Springerle und Tazzelwurm wurden 1938 gebaut – gar nicht mit moderner Umwelttechnik bestücken. “Ein Oldtimer-Auto hat ja schließlich auch keinen Sicherheitsgut oder Blinker.”

Obwohl er früh aufstehen muss, um die Dampfloks vorzuheizen – vier Stunden, bevor die Gäste kommen – sind sie sein Favorit. Auch das Publikum stellt sich für den Traum in Schwarz-Grün gern an Wochenenden und Feiertagen in die Warteschlage. Die Diesellok Blitzschwoab hingegen müsse geschont werden. “Die ist Baujahr 1950 und kommt nur sonntags raus”, sagt Rüchel.

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